Wenn zwei verschiedene Welten aufeinander treffen

       

© BR/Christian Schulz                                                                                      © BR/Christian Schulz

2016 beginnt die 16. Ausgabe der Zeitschrift „Revolver“ mit einem Mailverkehr zwischen Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler. Die drei Regisseure diskutieren übers Filmemachen und Filmästhetik. In diesem Mailverkehr geht es auch um die Berliner Schule, deren Vertreter Petzold und Hochhäusler sind. Graf kritisiert die Berliner Schule, ihren Stil, Humor und Misstrauen in die Sprache. Petzold und Hochhäusler verteidigen ihren Minimalismus und Verlorenheit ihrer Figuren.

Zwei Jahre später entsteht die Idee eines gemeinsamen Experimentes, in dem die Regisseure ihre Erkenntnisse umsetzen: 2011 erscheint „Dreileben“ – eine Trilogie von Fernsehfilmen, produziert  im Auftrag von BR, ARD und WDR, die frei voneinander sind und von jeweils einem der drei Regisseure gedreht wurden. Gemeinsam sind den Filmen Orte, Figuren, Ereignisse und Zeit. Stil, Schwerpunkt und Genre definiert jeder Regisseur selbst. Es sind drei separate Autorenfilme, die das ganze Projekt in einem ungewöhnlichen Format auszeichnen.

Die Filmtrilogie wurde im Forum der 61. Berlinale im Februar 2011 uraufgeführt, im August 2011 wurde sie im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt.

Der erste Film „Dreileben – Etwas Besseres als den Tod“ erzählt über den Zivildienstleistenden Johannes (Jacob Matschenz), das bosnisches Zimmermädchen Ana (Luna Mijovic) und die Liebesgeschichte zwischen ihnen. Johannes arbeitet in einem thüringischen Waldkrankenhaus, aus dem der Sexualstraftäter Molesch (Stefan Kurt) durch Zufall flieht. Die Polizei sucht nach ihm in den Wäldern des Städtchens Dreileben, das an „Twin Peaks“ (1990-1991) von David Lynch erinnert.

Obwohl die beiden Hauptfiguren für einige Zeit zusammen sind, bleiben sie zwei junge Menschen aus verschiedenen Welten. Johannes kommt aus gutem Hause und hat eine glanzvolle Zukunft vor sich: Er steht kurz vor einem Medizinstudium in Los Angeles. Ana ist ein launisches Mädchen, das davon träumt, Teil der Gesellschaft zu werden, die sie offensichtlich nie erreichen wird. Das wird deutlich, als sie sich für eine Golfparty vorbereitet und ihre naive Vorstellung vom idealen Look gezeigt wird. Petzold gelingt es, Milieu-Unterschiede zu zeigen und man glaubt, dass diese zwei keine gemeinsame Zukunft haben können. Man muss aber auch sagen, dass es wünschenswert wäre, mehr solcher Momente zu zeigen. Stattdessen überwiegen sparsame Dialoge und Langeweile. Außerdem verhalten sich die beiden sich ständig entschuldigenden Protagonisten wie 12-Jährige.

Ana jedoch wirkt einigermaßen sympathisch – Johannes ist etwa blass. Ob es vom Regisseur so gewollt war, ist unklar. Er ist passiv und zeigt keine Initiative. Man glaubt nicht, dass er nach Los Angeles fahren wird, um dort zu studieren. Man glaubt auch kaum, dass er irgendwann ein erfolgreicher Arzt wird, so wie er es sich in den Kopf gesetzt hat. Es bleibt ein Geheimnis, was Ana an diesem passiven Johannes findet. Ihre Gefühlsschwankungen jedoch sind glaubwürdig – die Figur wirkt überzeugend und man glaubt daran, dass ihre Handlungen genau die Auswirkungen haben werden, die im Film dargestellt werden.

Man erkennt Petzold’s Handschrift an der geringen Anzahl an Figuren und den wenigen Dialogen. Bereits in „Yella“ (2007) und „Jerichow“ (2008) bedient sich Petzold wenigen Charakteren, die ein relativ stilles Leben führen. Der Unterschied ist aber, dass diese Filme nicht an Intensität verlieren. Filmisch ist „Etwas Besseres als den Tod“ weniger gelungen als Petzold’s Meisterwerke.

Im Großen und Ganzen ist die Geschichte interessant – nichtsdestotrotz fehlt dem Film, im Vergleich zu Petzolds anderen Filmen, ein Rhythmus, der das Ganze in Einklang bringen könnte. Der Regisseur erzählt uninspiriert. Zudem gibt es viele Szenen und Längen, bezüglich derer man sich fragt, ob sie wirklich nötig sind. Das Vermögen des Regisseurs ist Vielen bewusst – „Etwas Besseres als den Tod“ bleibt aber leider ein defizitärer Film, der wirklich nicht schlecht ist, aber auch nicht wirklich gut.

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