Was alles Lehrer und Lehrerinnen sollen

„Lehrer und Lehrerinnen sollen gerecht sein, sie sollen einfühlsam sein und durchsetztungsstark, möglichst viel wissen und können, aber sich nicht als Besserwisser aufspielen, sie sollen klar strukturiert und flexibel sein“ und so weiter und so fort. Mit diesem Geleitwort wenden sich Lehrausbilder an zukünftige Lehrer und Lehrerinnen. LehrerInnen sollen! Sie sollen viel machen, tun nach Ansicht von vielen dies aber nicht: Obwohl dieser Beruf einer der wichtigsten ist, hält man LererInnen oft für inkompetent, ungebildet, ungerecht. Denn manchmal ist es für Eltern einfacher, den Lehrer zu beschuldigen und eigene Schuld nicht zu akzeptieren. LehrerInnen spielen natürlich eine wichtige Rolle in Kindererziehung, trotzdem können Eltern die volle Verantwortung dem Lehrer nicht zuschieben und nur dann auftauchen, wenn ihr Kind gelobt wird. Seltsamerweise erscheinen solche Gedanken noch am Anfang des Filmes, obwohl der Film auf diese oder ähnliche Fragen gar nicht eingeht.

Es handelt sich um einen Dokumentarfilm von Timo Großpietsch „Lehrkraft im Vorbereitungsdienst“, der im NDR Fernsehen am 16.11.2016 gezeigt wurde. 18 Monate lang hat der Regisseur drei Referendare in Hamburg mit seiner Kamera begleitet, um zu zeigen, wie die zukünftigen LehrerInnen vorbereitet werden. Die Geschichte scheint nichts Neues oder Außergewöhnliches zu sein. Drei junge Leute machen Ausbildung und verfolgen den Traum, LehrerInnen zu werden. Nicht ohne Schwierigkeiten ist der Weg, nicht ohne Überlegungen, ob es die richtige Entscheidung war; alle drei geben aber nicht auf und bestehen alle Prüfungen, was eine neue Seite in ihrem Leben aufschlägt und ermöglicht es, ihr Berufsleben mit frischen Kräften zu beginnen.

Die Geschichte ist nicht neu und wahrscheinlich vielen bekannt, aber die Umsetzung, die Vision des Regisseurs ist anders. Uns wird die Innenseite der Vorbereitung von Lehrkraft gezeigt. Zusammen mit dem Regisseur und seinem Filmstab dürfen wir die Klassenräume betreten, wo die Referendare unterrichten. Wir finden uns im Kurt-Körber-Gymnasium in Hamburg-Billstedt, in der Stadtteilschule Fischbek, in der Schule  in Mümmelmannsberg.  Wir dürfen auch bei deren Prüfungen anwesend sein und zuhören, welches Feedback sie von ihrer Leiterin bekommen. Wir sehen, dass die zukünftigen LehrerInnen nicht allein sind, dass sie Hinweise und Ratschläge bekommen, dass sie unterstützt werden. Wenn sie es verdienen, werden sie gelobt, wenn sie etwas eher falsch tun, wird ihnen geholfen, die richtige Lösung zu finden. Noch keinem Regisseur ist es gelungen, so tief zu gehen und die Situationen zu zeigen, die sonst noch keiner zeigen durfte. Somit bekommt der Zuschauer einen tieferen Eindruck und kann hinter die Kulissen schauen, um eigene Meinung über die Lehrerausbildung zu bilden.

Die Referendare hat Tim Großpietsch auch nicht durch Zufall ausgesucht. Er wollte in seinem Dokumentarfilm verschiedene Persönlichkeiten zeigen und das hat er geschafft. Sebastian, der den Lehrerberuf als „naheliegendste Alternative“ betrachtet, Isabelle, die vor ihr die Herausforderung hat, mit „schwierigen“ Kindern zu arbeiten, Michael, der an seiner alten Schule unterrichtet und viele Schüler begeistert – alle drei sind sehr unterschiedlich. Dem Regisseur ist es gelungen, die Referendare auszuwählen, die Lehrkraft aus verschiedenen Seiten präsentieren. Selbst die Tatsache, dass es keine Schauspieler sind, denen er Anweisungen geben könnte, wie es besser wäre, ihre Charaktere zu zeigen, ist beachtenswert.

Authentische Räume, authentische Darsteller, die Möglichkeit, den Lehrerberuf tiefer kennenzulernen und zu verstehen, dass Vorurteile gegenüber LehrerInnen nicht gerecht sein können – das alles bringt dazu bei, sich diesen Beruf mit anderen Augen anzusehen und ihn von der anderen Seite wahrzunehmen, auch weiter zu denken und über andere Probleme, die in diesem Film gar nicht angesprochen werden, zu überlegen. Sehenswert!

 

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