Struktur und Charme

Programmkinos, kommunale Kinos, Multiplex-Kinos – Philipp Hartmann bereist auf seiner Tour 66 Kinos. Dabei immer im Gepäck? Seine Handkamera. Das Ergebnis? Ein Dokumentarfilm gespickt mit spontanen, skurrilen, einnehmenden Aufnahmen und Gesprächen. Und einem Blick hinter die Fassade der deutschen Kinolandschaft. 

Im Gespräch mit Philipp Hartmann (2. von links) / Credit: Alena Hermann

Im Gespräch mit Philipp Hartmann (2. von links) / Credit: Alena Hermann

Labour of Love

 

„Das ist labour of love“, heißt es in dem Dokumentarfilm „66 Kinos“ von Philipp Hartmann, der am Samstag, den 22. April, im Hamburger Metropolis Kino Deutschlandpremiere feierte. Gemeint ist die Arbeit der Kinomacher, -programmierer, -vermarkter, -vorführer, -betreiber, mit denen Hartmann auf seiner Reise durch die deutsche Kinolandschaft ins Gespräch kommt.

Dabei zeigt er durch seine Montage nicht nur einen Querschnitt verschiedenster Kinos auf, sondern erzählt ebenso authentisch die Geschichte der Menschen, die diese Kinos betreiben.

Hartmanns Film ist die dokumentarische Begleitung der Filmvorführung von „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“, ein von ihm produzierter Essayfilm. Drei Tage vor Start kam die Idee auf, die anschließende Kinotour filmisch zu begleiten. Karlsruhe, Wiesbaden, Hamburg, Düsseldorf, Passau, Durlach, Marktoberdorf, Berlin und viele weitere Städte folgten. Das Ergebnis: 200 Stunden Material, 20.000 zurückgelegte Kilometer durch Deutschland und anderthalb Jahre Nachbearbeitung.

„66 Kinos“ ist kein klassischer Dokumentarfilm

Ausgerüstet mit einer Handkamera erfährt der Zuschauer durch die Point of View-Perspektive Hartmanns einen Blick auf die Menschen hinter dem Kino – ihre Motivationen, Hintergründe und Meinungen. Dabei sind die im Film gezeigten Interviews nicht bloß Interviews, sondern Gespräche. Gespräche, die spontane, ungewöhnliche, liebenswürdige und teils skurrile Perspektiven aufzeigen. Da wäre ein Filmvorführer, der im Nebensatz anklingen lässt, dass er an Jack Nicholson keinen Gefallen findet und somit entsprechende Szenen aus Filmen herausschneidet. Oder Bernd Brehmer, Betreiber des Münchner Werkstattkinos, der über seine penible Münzordnung in der Kasse sagt: „Struktur und Charme nenn’ ich das“.

Dieser Charme zieht sich durch 98 Minuten Film, in denen zahlreiche Themen vermittelt werden. Angefangen bei der Digitalisierung des Kinos und der zunehmenden Abkehr vom klassischen Vorführen eines Films mit dem 35 Millimeter-Projektor, über die nicht als traditionelle Ausbildung anzusehende Arbeit des Filmvorführers bis hin zur Beziehung zwischen kleineren Programmkinos und der Übermacht der Multiplex-Kinos. Mag diese Vielzahl an Themen als massig erscheinen, so wirkt sie im Film als nicht anders möglich. Hartmann selbst bestätigt im anschließenden Gespräch, dass die Menschen automatisch auf entsprechende Inhalte zu sprechen kamen – es scheinen Zusammenhänge zu sein, die unter Kinomachern als omnipräsent gelten; ja, die quasi alle gleichermaßen beschäftigen und somit immer wieder gesagt werden müssen.

Raum für die Leidenschaft des Kinovorführens

Offensichtlich handelt es sich dabei um Grundsatzfragen: Steht man technischen Entwicklungen positiv gegenüber oder sehnt man sich nach der frühen Kunst des Kinovorführens inklusive 35 Millimeter-Projektor. Hartmann gibt verschiedenen Positionen Raum, ohne selbst Stellung zu beziehen. Diese unparteiische Darstellung der Thematik gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, sich selbst ein Bild der Thematik zu machen.

Ebenso löst er beim unregelmäßigen Kinogänger eine Faszination für die Kunst des Kinovorführens aus. Ist man bisher weniger in Programmkino-Kreisen unterwegs gewesen, so macht Hartmanns Doku Lust, die unterschiedlichsten Kinos und ihre Besonderheiten zu entdecken.

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