Plädoyer für die Literaturverfilmung

Immer häufiger beziehen sich Filme und Serien auf erfolgreiche Buchvorlagen. Ebenso häufig enttäuschen diese Literaturverfilmungen aber auch die Erwartungen des Publikums. Wie kommt’s?

Es ist keine Seltenheit, dass in der Kunst Referenzen zu finden sind. Literatur bildet die Basis für Theater, Oper oder Ballett. Selbst Maler beziehen sich auf Romane und Erzählungen und versuchen, diese in Bildern umzusetzen. Umgekehrt lassen sich ebenso Schriftsteller von der bildenden Kunst inspirieren. Das Ehepaar Buddenbrook aus dem gleichnamigen Buch von Thomas Mann sei angelehnt an ein Gemälde von Édouard Manet. Diese Referenz der Künste untereinander ist also wahrlich kein neues Phänomen. Und doch, so scheint es, sehen wir in Kino und Fernsehen immer häufiger Stoffe, die bereits in Buchform existieren. Literaturverfilmungen als Trend?

Da hätten wir „Der englische Patient“ (1996) als frühe Erscheinung, aber auch neuere Adaptionen wie „Der Vorleser“ (2008), „Cloud Atlas“ (2012), „The Great Gatsby“ (zuletzt 2013), „Ich bin dann mal weg“ (2015) oder Tom Fords „Nocturnal Aninmals“ (2016). Auch vor Fantasy-Mehrteilern macht der Trend nicht Halt, wie „Harry Potter“ (2001-2011) und „Tribute von Panem“ (2012-2015) beweisen. Mit „Game of Thrones“ (seit 2011) ist der Hype auch im Serienuniversum angekommen. In einem größeren Kontext lassen sich auch diverse Comic-Verfilmungen zu der Gattung der Literaturverfilmungen zählen: Marvels Spider-Man zunächst als TV-Serie „The Amazing Spider-Man“ (1978-1979), später in zahlreichen Verfilmungen (seit 2002) und just die Verfilmung von DCs Wonder Woman (2017) sind nur zwei Exempel.

Eine Literaturverfilmung, die letztendlich allen gefällt, ist nahezu unmöglich. Und somit riskant. Es gilt, literarische Vorlagen filmisch adäquat umzusetzen. Eine reine Illustration des Textes ist zu wenig; strukturelle Äquivalente müssen gefunden werden. Der Film muss auf seine ganz eigene Sprache zurückgreifen: bewegte Bilder, Töne, Musik, Geräusche und Schrift.

Literaturverfilmung als Zugkraft

Trotz des Risikos, das der immer wiederkehrende Vergleich Film-Buch eröffnet, ist der Trend zur Adaption von Literatur so aktuell wie nie zuvor. Man erhofft sich, auf den Zug des Hypes um Buch, Autor, Thematik, ja sogar Genre aufzuspringen, Zuschauer abzuschöpfen und künstlerische Geltung zu erlangen. Die Leser haben ein Interesse, zu sehen, wie das Buch, das ihnen gefallen hat, filmisch umgesetzt wurde – der sogenannten „built-in audience“ gilt ein essentielles Interesse.

Ein anderer Teil des Publikums hat das Buch wiederum nicht gelesen. Ob aus Zeitmangel oder weil bewusst auf den Film gewartet wurde, sei einmal dahingestellt. Um bei einer Thematik mitreden zu können, lassen sich aber auch diese Zuschauer ins Kino oder vor den Fernseher locken.

Grumpy Cat im Kino: Der typische Buch-Film-Vergleich / Credits: tilllate.com

Grumpy Cat im Kino: Der typische Buch-Film-Vergleich / Credits: tilllate.com

Die Zugkraft der Literaturverfilmung existiert gleichwohl in umgekehrter Richtung. Ein Hype um den Film lässt viele Zuschauer in die nächste Buchhandlung stürmen, um ihre cineatische Erfahrung in den vertrauten vier Wänden noch einmal zu erleben.

Werktreue sollte nicht das Ziel sein

Heinrich Böll bezeichnete die Verfilmung seines Romans „Gruppenbild mit Dame“ einmal als „Kunst aus zweiter Hand“. Nicht selten wird gar von sogenannten Bastarden aus Literatur und Film gesprochen. Woher kommt aber diese Stigmatisierung eines nicht adäquat-umgesetzten Films im Vergleich zur hochgelobten Literaturvorlage? Die zeitliche Reihenfolge, in der die beiden Produkte Literatur und Film stehen, wird schnell zu einer Hierarchie. Die Folge: das Buch steht über dem Film. Aber auch der Begriff „Literaturverfilmung“ an sich setzt den Fokus auf die Literatur, die bearbeitet und neu aufgesetzt wird.

In der Konsequenz wird die von den literaturkundigen Zuschauern erwartete Werktreue häufig enttäuscht. Dass diese schwer umsetzbar ist, wird dabei außer Acht gelassen. Denn ein jeder Zuschauer deutet anders, hat eine andere Lesart des Textes – Interessen, Kenntnisse und Hintergrund des Lesers sind ausschlaggebend dafür, wie er den Text interpretiert. Auch ein Regisseur ist ein Leser und vermag, das literarische Werk anders zu deuten als der Durchschnittsleser. Ein Film ist folglich als die künstlerisch-umgesetzte Interpretation des Regisseurs anzusehen. Und darf, ja sogar muss folglich von der zu Grunde gelegten Literatur abweichen!

...they actually showed me another perspective / Credits: tilllate.com

…they actually showed me another perspective / Credits: tilllate.com

Es liegt an einem selbst, die beiden Künste -Literatur und Film- voneinander abzugrenzen und als differente Künste wahrzunehmen. Von Interesse sollte sein, eine andere Perspektive zu dem bereits gelesenen Stoff einzunehmen und zu vergleichen, inwieweit die eigenen Erwartungen von der Interpretation des Regisseurs abweichen.

Um es mit den Worten André Bazins zu sagen: „Literaturverfilmungen sind kein Verlust für die Literatur, sondern ein Gewinn“.

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