Im Angesicht der Verwirrung

Liebe, Tod und Russenmafia – so ist das Rezept für Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“. Angereichert mit Schauspielgrößen Max Riemelt und Ronald Zehrfeld ein Fernseherlebnis, das begeistern soll – oder doch bloß verwirrt?

Im Angesicht des Verbrechens: (v. l.) Max Riemelt (Marek Gorsky), Marie Bäumer (Stella), Mosel Maticevic (Mischa), Ronald Zehrfeld (Sven Lottner) / Credit: Das Erste

Im Angesicht des Verbrechens: (v. l.) Max Riemelt (Marek Gorsky), Marie Bäumer (Stella), Mosel Maticevic (Mischa), Ronald Zehrfeld (Sven Lottner) / Credit: Das Erste

Man nehme ein vierköpfiges Polizei-Team, dem ein baltisch-jüdischer LKA-Beamter angehört, dessen Schwester mit einem Russen verheiratet ist, der wiederum der Russen-Mafia angehört, zwei ukrainische Mädchen, die sich plötzlich in Berlin wiederfinden, sowie den Mord am Bruder des anfangs erwähnten LKA-Beamten, der mittlerweile zehn Jahre zurückliegt – ach ja, und lasse das Ganze in Berlin spielen.

Fertig ist die zehnteilige deutsche Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“, die auf der Berlinale im Jahr 2010 Premiere feierte. Ab dem 22. Oktober 2010 wurde sie immer freitags um 21:45 Uhr im Hauptprogramm der ARD ausgestrahlt.

Erfolg durch Regisseur und Schauspieler?

Regisseur ist Dominik Graf. Ja, genau der, den Moritz Holfelder verheißungsvoll als „eine[n] der herausragendsten deutschen Filmregisseure der Gegenwart“ betitelt hat. Der, der zahlreiche Grimme-Preise einheimste. Und ja, auch der, der sich -angelehnt an den amerikanischen Film- immer wieder im Spagat zwischen Kino und Fernsehen, Dokumentation und Thriller befindet. Beste Voraussetzungen also für ein gelungenes Fernseherlebnis.

Kombiniert mit den deutschen Schauspielgrößen Max Riemelt -spätestens seit „Die Welle“ (Dennis Gansel, 2008) wohl auch einem breiteren Publikum bekannt- und Ronald Zehrfeld -seinerseits Charakterdarsteller par excellence- verspricht die Serie ein theoretisch sicherer Erfolgsgarant zu sein. Praktisch nicht.

Von allem zu viel

Marek Gorsky (2. v. l.) mit seinen Kollegen / Credit: filmstarts.de

Marek Gorsky (2. v. l.) mit seinen Kollegen / Credit: filmstarts.de

Um die Verwirrung um die eingangs beschriebene Handlung aufzulösen, folgt an dieser Stelle die offizielle Variante von arte: „Marek Gorsky, Sohn baltisch-jüdischer Einwanderer, ist Polizist im Abschnitt 6 der Berliner Polizei. Als er gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Sven Lottner für eine Ermittlung im Milieu der organisierten Kriminalität vom LKA angefordert wird, holt ihn das Trauma seiner Kindheit wieder ein: Grischa, sein älterer Bruder, ist von einem kriminellen Rivalen erschossen worden. Der Täter wurde nie gefasst.“

Russisch, Ukrainisch, Vietnamesisch, Jiddisch. Oh, und Berlinerisch. Dieses Potpourri an Sprachen trifft auf denkbar jeden Effekt, den die aktuelle Fernsehlandschaft zu bieten hat. So findet der Zuschauer sich in einem Wechselspiel an weißen Überblendungen, schnellen Schnitten, subjektiven Kameras und immer währenden Flashbacks wieder. Entspanntes Feierabendfernsehen sieht sicherlich anders aus. Rasante Sprünge von einem Handlungsstrang in den nächsten lassen den Zuschauer ebenso wenig entspannen wie fehlende Untertitel für das zumeist deutschsprachig vermutete Fernsehpublikum.

Noch eine Folge? Fraglich

Zugegebenermaßen wurden lediglich 50 Minuten und somit die erste Folge dieser Miniserie gesehen – die Handlungsstränge sind hingegen so konzipiert, dass sie sich über die gesamten 500 Minuten Serie erstrecken. Klar, dass nach dem ersten Zehntel Verwirrung beim Publikum herrscht. Fraglich ist jedoch, ob das Interesse jener Fernsehzuschauer, die nicht im Zuge der Berlinale vier Stunden „Im Angesicht des Verbrechens“ am Stück schauen, geweckt wird. Insofern sei nun einmal dahingestellt, ob diese Serie gar das Potential zum Binge-Watching aller zehn Folgen aufweist.

Die eher enttäuschenden Fernsehzuschauerzahlen im Ersten –konstante Zuschauerzahlen unter 2 Millionen– lassen dies anzweifeln. Die Reaktion der ARD? Eine Ausstrahlung der letzten drei Folgen am Stück. Geht es nach Kritikern und Auszeichnungen sieht es hingegen ganz anders aus. Deutscher Fernsehpreis, Grimme-Preis, Bayerischer Fernsehpreis. Vielleicht also doch eine zweite Folge? Mal schauen.

Verwirrung pur.

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