„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“

Diesen Satz, den Franz Kafka in einem privaten Brief im Jahre 1904 formulierte, beschreibt sehr passend die Art und Weise, wie ein Roman das Leben der Protagonistin Susan in dem Film Nocturnal Animals aufwühlt. Es ist der zweite Film, der unter der Regie und nach dem Drehbuch des ursprünglichen Modedesigners Tom Ford entstand – und dieser steht seinem Debütfilm „A Single Man“ in nichts nach.

Jede Einstellung erzählt eine eigene Geschichte in Tom Fords zweitem Meisterwerk ‚Nocturnal Animals’ © Morton/Focus Features

Nach dem Drama ‚A Single Man’ nimmt sich Tom Ford eines Thrillers an und besetzt ihn hochkarätig mit Amy Adams und Jake Gyllenhaal. Als Adaption des Romans „Tony and Susan“ von Austin Wright entfaltet sich vor den Augen des Zuschauers ein wahres Kunstwerk, in dem die Kunst wiederum eine entscheidende Rolle spielt.

Vernissagen, Gemälde und Statuen – Inszenierungen rahmen das scheinbar perfekte Leben der Hauptfigur Susan. Auch sie erscheint künstlich, posierend wie ein Model auf dem Laufsteg, immer geschminkt und niemals unkontrolliert trotz ewiger Schlaflosigkeit. Als Galeristin ohne Herz stellt sie Kunst aus und fühlt sie doch nicht. Auch die Wohnung, in der sie mit ihrem Mann lebt, wirkt wie ein eiskaltes Mausoleum voller Kunstgegenstände.

Eines Tages erhält Susan per Post einen Roman ihres Exmannes Edward, den sie seit 19 Jahren nicht gesehen hat. Und dieses Buch ist „die Axt […] für das gefrorene Meer“ in ihr. Der Roman reißt sie, gleich einem Strudel warmer Farben, in eine Erzählung über einen möglichen Verlauf ihrer Beziehung, eine Geschichte voller Grausamkeit, die im Kontrast steht zur ausgefeilten Ästhetik des Films. Bedenkt man, dass sich die Hälfte des Films in Susans Fantasie abspielt, so zeichnet sich eine bemerkenswerte Spannungskurve ab, bis zu dem letzten Moment, in dem Susan sich mit dem dunkelroten Lippenstift auch die Identität abwischt, die sie sich so mühsam aufgebaut hat.

Die Farbkompositionen des Films malen diesen zu einem wunderschönen Artefakt, in dem jeder Charakter durch zahlreiche Pinselstriche feinfühlig gezeichnet ist. Trotz einer Hingabe zu Kontrasten, ist an dem Film nichts schwarz-weiß. Und so muss auch der Betrachter dort seinen interpretierenden Teil leisten, wo die Leinwand leer und die Handlung offen bleibt.

Triebe und Trug, Rache und Reue. Keine seichte Abendunterhaltung, aber ein wunderbar allegorischer Film, der – voller Liebe fürs Detail – Nihilismus und Ästhetik zusammenbringt, um dem Betrachter die Krankheit der Gesellschaft aufzuzeigen.

 

 

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