Die nächste Folge beginnt in 15 Sekunden…

Die Serienkultur erlebt durch Video on Demand-Dienste wie Netflix, Amazon Prime Video und Co. einen massiven Aufschwung. Doch inwieweit wirkt sich dieser neue Trend auf die Rezeptionsweisen der Zuschauer und nicht zuletzt auch auf die Serien selber aus?

Die weltweit erste fiktive Fernsehserie wurde Ende der 40er Jahre in den USA ausgestrahlt, welche genau es nun war, ist bis heute umstritten. Im Jahr 1978 startet Dallas, ein Meilenstein in der Entwicklung amerikanischer Serien. Intrigen und Machtkämpfe locken zur besten Sendezeit jede Menge Zuschauer vor den Fernseher, die Serie wird ein voller Erfolg.

In den 90er Jahren weitet sich das inhaltliche Spektrum aus, doch die Serieninhalte werden stetig düsterer. Vor allem Twin Peaks von David Lynch feiert zu dieser Zeit bahnbrechende Erfolge, sodass sie sogar in 2017 wieder aufgegriffen und weitergeführt werden soll.

Amerikanische Serien verschiedenster Genres etablieren sich spätestens in den 2000ern weltweit: Krankenhausserien wie Grey’s Anatomy animieren zum Medizinstudium, Krimiserien aller Art, von Navy CIS bis Law and Order lassen einen den Glauben an das Gute im Menschen verlieren und die wildesten Hybrid-Genres entstehen, zum Beispiel die Dramedy Desperate Housewives (eine Kombination aus Drama und Comedy). Der Zuschauer hat immer mehr Auswahl und Einfluss. Je nach Belieben können Serien auf DVD gekauft und Zuhause angesehen werden. Es ist nun möglich, direkt aus dem linearen Programm aufzunehmen, wenn man nicht ganz traditionell jede Woche zur gleichen Uhrzeit wieder vor dem Fernseher sitzen und seine Lieblingsserie sehen möchte. Hauptsache, man kann jede Kleinigkeit am nächsten Morgen bei einem Kaffee mit den Kollegen ausdiskutieren.

Video-on-Demand: Eine Branche im Umbruch

2007 startet dann Netflix in das Video-on-Demand-Geschäft und verändert die Branche vollständig. Im April 2017 hat das Unternehmen 100 Millionen Abonnenten und ist in aller Munde. Plötzlich kann man alles sofort haben, alle möglichen Serien und Filme sind jederzeit abrufbar, auch offline zum Herunterladen. Seriengenuss, wie, wo und wann man ihn sich wünscht.

Und es ist allzu leicht, in die Netflix-Falle zu tappen: Der erste Monat ist völlig kostenlos und die Kündigung jeden Monat problemlos möglich. Kaum angemeldet, beginnt Netflix mit Hilfe von Big Data die Angebotsdarstellung auf den individuellen Nutzer abzustimmen.

Mit diesem Erfolg verändern sich auch die Art und Weise der Rezeption und damit zwangsläufig die Serien selbst. Inzwischen gehört es zum guten Ton, sich ganze Staffeln geliebter Serien innerhalb von wenigen Tagen anzusehen. Das „Binge-Watching“, das eben dieses Phänomen beschreibt, ist längst kein Symptom von Nerds oder Superfans mehr, sondern inzwischen vielen ein Begriff. Wichtiger Bestandteil dieses Rituals sind die Cliffhanger: Eine offene Frage, die am Ende jeder Episode das dringende Verlangen weckt, die nächste Episode zu starten – Hat er tatsächlich seine Frau ermordet? Wird sie ihm ihre Schwangerschaft gestehen? Was geschieht nun, nachdem der verlorene Sohn wiedergekehrt ist?

Und es scheint zu funktionieren. Netflix-Serien wie House of Cards oder Orange is the New Black laufen seit 2013 und befinden sich bereits in der fünften Staffel, ohne dabei an Beliebtheit zu verlieren. Doch den Serien wird dabei viel abverlangt, denn durch den verkürzten Rezeptionszeitraum muss von einfach gestrickten Wiederholungsmustern abgesehen werden, die den Zuschauer langweilen und verschrecken könnten. Stattdessen müssen die Charakterentwicklungen komplexer werden, die Narrationen nuancierter, sodass nicht nur der episodische Handlungsstrang, sondern auch der Spannungsbogen über ganze Staffeln mit konstanten Beziehungsdramen den Zuschauer bei Laune halten können.

Früher mussten diese Cliffhanger den Zuschauer eine Woche lang jeden Abend plagen, damit er regelmäßig wieder einschaltete. Dies ist inzwischen anders, stattdessen wird ein direkter Effekt angestrebt, sodass der Netflix-Abonnent trotz immensem Schlafmangels, ausgehender Cola und der Gefahr einer Beinthrombose weiter vor dem Laptop hängen bleibt. Die Kontrolle liegt dabei völlig beim Rezipienten, denn er alleine entscheidet, wann er sich wie viele Folgen einer Serie ansieht.

Binge-Watching: Chance und Herausforderung für die Produzenten

Durch die Angewohnheit des Binge-Watching besteht die Möglichkeit, die Serie durch Informationsmaterial zu unterstützen, indem dieses einfach nach der Serie automatisch abgespielt wird. Auf Tote Mädchen lügen nicht (Im Englischen: 13 Reasons Why) lässt Netflix nach der letzten Episode eine Dokumentation folgen, die die Themen Suizid und Mobbing behandelt, um dem Werther-Effekt, also Nachahmungsselbstmorde entgegenzuwirken. Drückt man nicht schnell genug auf den Stop-Button, so findet man sich schnell mit seinem Schicksal ab, sich dies auch noch anzusehen. Solche Maßnahmen erweisen sich als gerechtfertigt: In Peru ereignete sich ein Fall, der erschreckend an die Netflix-Serie erinnert. Ein junger Mann beging Selbstmord und hinterließ, ähnlich der Protagonistin der Serie Hannah Baker, erklärende Audiodateien mit Anweisungen für Bekannte.

Doch diese veränderte Rezeptionsweise birgt Probleme. In der Serie How to Get Away with Murder beispielsweise wird der Zuschauer nach jeder erzählten Lüge durch einen kurzen Flashback darauf hingewiesen, dass es sich auch tatsächlich um eine Lüge handelt. Dies ist bei einer Rezeption mit zeitlichem Abstand durchaus sinnvoll, da der Zuschauer an die Hand genommen wird und kann leichter folgen kann. Wenn man nun aber seit zwei Tagen durchgehend diese Serie sieht und ständig Rückblenden auftauchen, deren Handlung für einen selber erst zweieinhalb Stunden zurückliegt, so wird dies schnell bevormundend und langweilig.

Unbestreitbar haben also die neuen Technologien den Bereich der Serien verändert und verlangen den Produzenten immer mehr ab. Der Zuschauer wird immer verwöhnter und fordernder. Die Serienkultur entwickelt sich so schnell wie noch nie und das Angebot wird immer größer. Welche Konsequenzen diese Entwicklung noch mit sich bringen wird, ist noch abzuwarten. Bis dahin bleibt der Leitspruch: „Ach, eine Folge geht noch!“.

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