Demaskierung eines Superhelden

Der Film „Birdman“ profiliert sich vor allem mit seiner außergewöhnlichen Montage: Ganz ohne sichtbare Schnitte soll dieser auskommen. Dies ist produktionstechnisch eine Herausforderung und mit einigen Komplikationen beim Dreh und hinter den Kulissen verbunden. Auch die in dem Film mitschwingende Branchenkritik bietet viel Gesprächsstoff. Ob die DVD mit ihren Bonusfeatures mehr dazu verrät?

© Blogbusters, 20th Century Fox

Ein blassgrüner Hintergrund. Vom Bildmittelpunkt blitzen einem die grünen, entschlossen dreinblickenden Augen Michael Keatons entgegen. Er lässt sich Anzug und Bart stehen und beinahe könnte man denken, es handle sich um ein bearbeitetes Fanplakat des Schauspielers. Aber auf seinem Haaransatz, direkt hinter den Geheimratsecken klammern sich die gelben Handschuhe Birdmans fest. Riesige fedrige Schwingen prangen fast wie eine Krone über dem Schauspieler. Der rote Gürtel mit dem goldenen „B“ sticht trotz hockender Haltung eindeutig hervor. Einige haben es bereits erraten, es handelt sich um ein Filmplakat: “Birdman oder (die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)”.

Wie dieses Cover schon vermuten lässt, ist Birdman ein Superhelden-Film der etwas anderen Art. Thematisiert wird das Leben des Schauspielers Riggan Thomson, der von seiner erfolgreichsten Rolle als Birdman verfolgt wird. Mit einem Broadway-Musical versucht er nun, seinen vergangenen Erfolgen gerecht zu werden. Die Darsteller zeigen in diesem Film die enorme Belastung ihres eigenen Berufs auf: Die Schauspielbranche kritisiert sich selber.

Michael Keaton als abgehalfterter Ex-Promi auf der Suche nach dem Comeback

„Either it’s Keaton or I’m not doing the movie.“, soll Regisseur Alejandro González Iñárritu gesagt haben. Diese Entschlossenheit beim Cast kommt nicht von irgendwoher, denn schließlich ist Birdman ein besonderes Projekt. Ganz abgesehen von der ungewöhnlichen Montage ist es ein Film, in dem sich Schauspieler über Schauspieler mokieren. „Einer der wenigen, in dem die Welt des Schauspiels selbst in den Fokus rückt“, bemerkt Naomi Watts in dem Bonusmaterial „Hinter den Kulissen“. Und wer läge näher, um den ehemals erfolgreichen Superhelden-Schauspieler auf der Suche nach dem Comeback glaubwürdig zu inszenieren, als der ehemalige Batman-Darsteller Michael Keaton? Dieser, so scheint sich das gesammelte Cast einig, habe genau die richtige Portion Selbstbewusstsein und Selbstironie, um sich dieser ungewöhnlichen Rolle höchst konzentriert anzunähern. Praktischerweise konnte dadurch auch das Birdman-Kostüm nach den Maßen des alten Batman-Kostüms gefertigt werden.

Hinter den Kulissen

Das eigentlich Besondere aber sei die Art und Weise der Produktion. Ein Film, der ohne einen sichtbaren Schnitt auskommen soll, macht viele gewöhnliche Methoden unmöglich.

Legt man die DVD ein, so kommt die Frage auf: Wird die „schnittlose“ Vorgehensweise auch im DVD-Menü übernommen? Man erblickt eher eine kompromisshafte Darstellung. Statt Schnitte wurden Überblendungen und andere Übergänge genutzt, die einzelne Eindrücke des Films miteinander verknüpfen. Ein Blick in die Extras soll Auskunft geben über die spezielle Machart des Films.

Statt vor Ort zu drehen wird in einem Studio das Innenleben eines Broadway Musical Hauses errichtet – enge Gänge, kleine Räume, vollgestellt mit Requisiten. Um es möglichst authentisch zu machen, wird häufig eine Handkamera verwendet, die den Schauspielern durch die verwinkelten Innenräume des Studios folgt. Steht man zur falschen Zeit am falschen Ort, so fällt man besser nicht aus der Rolle, wenn man nicht den gesamten Take ruinieren will. Regisseur Alejandro González Iñárritu erklärt seine Vision: Ein Film, der fließen solle wie ein Fluss. Dafür wird keine Mühe gescheut.

Ebenso werden ganze Straßen New Yorks abgesperrt, damit sich die exzentrischen Anfälle des Birdman durch spontane Flugsequenzen völlig entfalten können. Im Allgemeinen eine interessante Beziehung, die Michael Keatons Rolle Riggan Thomson und sein Alter Ego, Birdman im Laufe des Filmes entwickeln. Das Thema Vogel scheint in dem Film omnipräsent: Durch wilde Kameraschwenks in den Höhen der Stadt, ungewöhnliche Vogel- und Froschperspektiven fühlt sich der Zuschauer häufig selber wie im Flug. Diese Drehweise wird stellenweise auch im Making Of aufgegriffen und eingehalten.

„Representing reality with fiction“

Der Film repräsentiere die Realität der Schauspielerbranche durch eine fiktive und natürlich auch überspitzte Darstellung, so Regisseur Alejandro González Iñárritu. Edward Norton, in dem Film ein narzisstischer Broadway-Schauspieler, stimmt dem zu und merkt an, dass sich die Welt der Schauspieler, wie er sie erlebt habe, häufig teilt in diese, die eine authentische Liebe für das Geschichten-Erzählen haben, und jene, die der Arroganz verfallen. Er sei beeindruckt davon, wie der Film dies vermittele und insbesondere auch die Arbeit hinter den Kulissen eines Broadway Musicals einfange – seinerzeit Nortons Karrierebeginn. Ein Film voller besonderer Rollen, selten nur spielen Schauspieler in ihren Filmen Schauspieler.

Oberflächliche Hintergründe

Wer leider selten in den Extras zu Wort kommt, sind die Editoren Douglas Crise und der Oscar prämierte Stephen Mirrione sowie Kameramann Emmanuel Lubezki.

Die Zusammensetzung der Szenen war natürlich von langer Hand geplant. Dennoch wäre es interessant gewesen, einen Einblick in die Arbeit der Spezialisten zu erhaschen, denen der Film einen großen Teil seiner Besonderheit zu verdanken hat. Die Bonusfeatures wären eine schöne Gelegenheit gewesen, diese mal selber zu Wort kommen zu lassen. Stattdessen sieht der Zuschauer mit den Schauspielern fast nur altbekannte Gesichter, die auch ohne diese Features in Interviews häufig eine Plattform finden. Zwar ist es im Sinne des Films, dass diese die Gelegenheit zur Rechtfertigung finden, nachdem ihre Branche im Film aufs Korn genommen wurde. Trotzdem wird die Besonderheit des Films viel zu wenig thematisiert und man erfährt zumeist doch nur vorhersehbare Floskeln.

Alles in allem ergibt sich durch das „Hinter den Kulissen“ eine Starshow und ein kleiner Exkurs zu den oberflächlichen Hintergründen des Films, abgerundet durch eine kleine Diashow der Fotos vom Dreh. Unterhaltsam, aber für Zuschauer, die sich präzisere Hintergrundinformationen erhofft haben, eine Enttäuschung.

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