Amerikanisches Flair, Russenmafia und großer Traum

Zahlreiche positive Kritiken erhielt die ARD-Krimiserie von Dominik Graf „Im Angesicht des Verbrechens“. Doch blieben die erwarteten hohen Zuschauerzahlen bei der Ausstrahlung der Serie aus. Ist der deutsche Fernsehzuschauer für solche hochqualitativen Produktionen nicht bereit? Oder ist das Einzige, was ihn erwartet, eine klischeehafte Darstellung?

 

Am 27. April 2010 wurde die erste Folge der deutschen Miniserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Regisseur Dominik Graf und Drehbuchautor Rolf Basedow in der ARD ausgestrahlt. Die Serie handelt von den zwei Berliner Polizisten Marek Gorsky und Sven Lottner, die im Milieu der Russenmafia ermitteln. Ein kindliches Trauma holt Marek immer wieder ein: Sein älterer Bruder Grischa wurde vor 10 Jahren erschossen, sein Mörder wurde nie gefasst. Mareks Familie, die russisch-jüdische Wurzeln hat, ist von seinem Beruf nicht besonders begeistert, wahrscheinlich auch deswegen, weil seine Schwester Stella mit einem Kriminellen, dem Russen Mischa, verheiratet ist.

Parallel zu diesen Ereignissen spielt sich eine weitere Geschichte ab. Zwei junge Ukrainerinnen, die von einem besseren Leben träumen, kommen nach Berlin. Ihnen wurde versprochen, in der Küche eines Restaurants arbeiten zu können. Erst als sie ankommen, erfahren sie, dass dies eine Lüge war. So beginnt die zehnteilige Serie, deren verschiedene Geschichten sich zum Finale vermutlich verflechten werden.

Nun stellt sich die Frage: Warum war der Zuschauer von dieser Serie mit ihrer spannenden Handlung nicht besonders fasziniert, anders als die Kritiker auf der Berlinale 2010 und bei Arte?

Vielleicht hat ihn die offensichtliche Parodie auf US-amerikanische Krimiserien irritiert? In einer Szene brechen beispielsweise die zwei Polizisten Marek und Sven und zwei Polizistinnen in eine Wohnung ein. Dabei brechen sie die falsche Tür auf und einer von den Polizisten murmelt etwas über die so entstandenen Kosten. Sollte dies einen zum Lächeln bringen, so hat es nicht funktioniert. Was zum Lachen gebracht hat, ist wie schlecht diese „Parodie“ war. Der Zuschauer hat sich an mehr oder weniger gute Krimiserien gewöhnt, die in der letzten Zeit meistens in den USA produziert werden. Man erwartet diese Qualität auch bei allen zeitgenössischen (Krimi-)Serien. Ob Graf den US-amerikanischen Produzenten bewusst nachahmen wollte oder nicht, spielt dabei keine Rolle – die Szene ist nicht gelungen.

Und nicht nur diese. Seltsam ist zudem die Szene mit den drei Ermittlern unter dem Fallschirm. Marek, Sven und ihre Kollegin springen mit Fallschirmen aus einem Flugzeug?? und im nächsten Augenblick sind sie alle unter einem Fallschirm nackt. Sollte das die Freiheit amerikanischer Filme/Serien nachahmen oder die Modernität, den Mut des Regisseurs zeigen? Auf jeden Fall fühlt man sich beim Anschauen dieser Szene eher konfus und verwirrt.

Auf einen weiteren irritierenden Aspekt soll im Folgenden eingegangen werden: Warum muss immer die Russenmafia auftauchen? Ob es ein Hollywood-Film ist oder, so wie in diesem Fall, eine deutsche Krimiserie – die Russen sind immer die Bösewichte. Natürlich gibt es unter den Russen Kriminelle, aber die gibt es in allen Nationalitäten. Natürlich sind die Russen der deutschen Geschichte nicht fremd, aber warum Mafia? Und warum müssen ihre „Mitglieder“ immer so aussehen, als ob sie eine Zeitreise gemacht haben und aus den 90ern gekommen sind? Lederjacken mit seltsam gemusterten Hemden, goldene Ketten mit einem riesigen Kreuz und eine Glatze dazu. Anscheinend sind auch tätowierte Stalin-Portraits und Kirchenkuppeln auf ihren Brüsten unter diesen Klamotten versteckt. Ja, das hat man alles erlebt, aber die Handlung findet nicht in den 90ern statt!

Noch ein Klischee – die Vorstellung, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken, in diesem Fall  die Ukraine, so zurückgeblieben sind, dass junge Mädchen dort naiv glauben, dass ein Türke, den sie zum ersten Mal im Leben sehen, ihnen ein Traumleben im Ausland schenken wird, ohne dass sie dafür etwas Unanständiges machen müssen. Denn sie haben ja kein schönes Leben im Heimatland. Denn das ganze Land ist anscheinend so wie das Dorf, wo diese Mädchen leben – keine Zivilisation, keine Entwicklung, ein normales Auto führt schon zu großer Aufregung unter den Kindern, weil man ja im Jahre 2010 immer noch keinen Fernseher hat und in seinem ganzen Leben nur Pferde gesehen hat.

Natürlich gibt es solche Fälle und nicht nur in der Ukraine oder in einer anderen ehemaligen Sowjetrepublik. Mühseliges Leben gibt es überall, überall wollen Leute großes Glück finden. Irritierend ist jedoch, dass diese Klischees weiter leben – wenn ein Mädchen aus Osteuropa nach Westen kommt, ist sie anscheinend bereit, alles zu machen, um schönes Leben führen zu können. Dies wird auch so in dieser Serie gezeigt. Zwei Freundinnen sind aus der Ukraine nach Berlin gekommen und eine hat naiv geglaubt, dass sie tatsächlich in der Küche arbeiten werden, worauf die zweite mit Erstaunen reagiert hat, denn sie wusste schon, was sie erwartet. Schließlich hat sie ihre Freundin überredet, in Deutschland zu bleiben und alles zu machen, was ihnen gesagt wird. Denn – wie gesagt – arme osteuropäische Mädchen sind bereit, alles zu machen, um Traumleben zu leben.

Zuletzt soll noch eine Kleinigkeit angemerkt werden, die dem deutschen Zuschauer vermutlich nicht aufgefallen ist (abgesehen davon, dass russische/ukrainische Dialoge nicht deutsch untertitelt wurden). Russen, die mit deutschem Akzent reden? Ukrainerinnen, die mit russischem Akzent reden? Muttersprachler wird das stören!

Eine schlechte Parodie auf US-amerikanische Krimiserien einerseits und klischeehafte Darstellung andererseits – das macht die Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ besonders… besonders misslungen!

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